Ich bin ja bekennender Fan von Köchen die weniger Schi-Schi um’s Essen machen, und statt dessen schnell, frisch und mit wenig Aufwand kochen. Jamie Oliver gehört da definitiv zu. Da ich gestern bei den Weihnachtsfresseinkäufen das Buch “Jamies 30 Minuten Menüs” auf dem Grabbeltisch hinter der Kasse liegen sah, musste ich natürlich zugreifen…
Für viele meiner Bekannten und Freunde ist Essen eine Notwendigkeit, seine Zubereitung ein am liebsten vermiedenes Übel. Einige andere zelibrieren die Zubereitung und Aufnahme ihrer Nahrung jeden Tag auf’s Neue und verlieren auch ihre Freude daran nicht. Fragt man dann in der ersten Gruppe herum, erhält man Antworten wie “Ich kann nicht kochen”, “Ich habe keine Zeit, mich jeden Tag 2 Stunden an den Herd zu stellen” oder “Für mich alleine lohnt sich das Kochen nicht”.
Nachdem ich nun 3 Jahre als Pendler unter der Woche alleine gelebt habe, in denen ich mich sehr wohl fast täglich selbst bekocht hatte, kann ich keinen dieser Gründe guten Gewissens akzeptieren. Gutes Essen aus frischen Zutaten ist die Grundlage für einen funktionierenden, leistungsfähigen Körper, einen wachen Verstand und das allgemeine Wohlbefinden.
Devitaminiertes Fertigessen dagegen, mit zuviel Zucker, künstlichen Aromen und Geschmacksverstärkern zur Kaschierung seiner Unzulänglichkeit ernährt uns nicht, es erhält uns bestenfalls am Leben, oft mit nur mäßigem Erfolg.
Gutes Essen bereitet Freude und wenn man das Handwerkliche einigermaßen in den Griff bekommen hat, dann macht auch die Herstellung und der Umgang mit den Rohmaterialien, für die man auch wieder Respekt gewinnt, Freude. Es ist eine lustvolle und kreative Angelegenheit, sich seine eigene Nahrung zu bereiten, und wenn man ehrlich ist, verpasst man nicht wirklich viel, wenn man die vorabendlichen Skandal-TV-Shows und Pseudo-Nachrichtensendungen mal auslässt.
Fiel ich bisher in Unterhaltungen in den Predigermodus, um den Leuten zu sagen, dass man sehr wohl in 30 Minuten ein vernünftiges Essen zubereiten kann, wurde das immer ungläubig belächtelt, aber so ist es. Die Stichworte sind Routine und Parallelisierung, und Jamie Oliver hat das Buch geschrieben, dass diese formalisiert beschreibt. Und er tut dies nicht für “Einen Teller Spaghetti Bolognese” sondern jedes einzelne Rezept besteht aus mehreren Teilen, mal Vorspeise, mal zweites Hauptgericht oder Nachspeise, also tatsächlich ein Menü.
Er schafft das durch Strukturierung der Abläufe beim Kochen, und zum ersten mal sehe ich ein Kochbuch, dass all die kleinen Dinge die um das eigentliche Kochen herum passieren, und die ein erfahrener Koch in seiner Routine gar nicht bemerkt, wenn er ein Rezept nachkocht, schritt für schritt aufgezählt werden.
Direkt beim ersten Rezept findet man eine solche Kleinigkeit:
Vorbereitung: Alle Zutaten und Küchenwerkzeuge bereit stellen, Backofengrill auf 190° C vorheizen. Eine große Pfanne auf hoher Stufe erhitzen. Den Wasserkocher füllen und einstellen…
Erst später unten im Rezept findet sich dann
…Einen großen, hohen Topf auf niedrige Hitze stellen, kochendes Wasser hineingießen, den Topf verschließen, Wasserkocher erneut füllen und einschalten.
Das ist so simpel und doch so brilliant, denn es dokumentiert die Routine die sich ansonsten erst einstellt, wenn man ein Rezept einige Male zubereitet hat. Ein geübter Hobbykoch macht sowas instinktiv, aber für jemanden, der hier neu einsteigt, ist das genau die Art von Tip, die peinliche Pannen und “Oops!”-Situationen verhindert. Man muss nicht das Rezept auswendig kennen oder beim Kochen im Rezept hoch und runter springen um zu sehen, ob man für den nächsten Schritt alles soweit vorbereitet hat. Man liest nicht das Rezept selbst sondern die einzelnen Arbeitsschritte die man zur Zubereitung tatsächlich ausführen muss.
Natürlich kommen diese effektiven Abläufe zu einem Preis, nämlich einer organisierten Küche.
Wer Jamie Oliver kennt, hat evtl. schon von seinem “Get your kitchen back” Schlagwort gehört. Es geht darum, die Küche wieder zu einem rationellen Arbeitsplatz zurück zu gestalten, all die Dinge die dort rumfliegen und um die man sonst “herum kocht” los zu werden und die wichtigen Arbeitsutensilien jederzeit greifbar zu haben. Das Buch bietet hier auch noch im Einleitungsteil eine entsprechende Liste und Hinweise zur Organisation.
In den Rezepten selbst finden sich immer wieder Symbole die auf Filmchen auf Jamie Olivers Homepage hinweisen, wo sich dann kleine handwerkliche Anleitungen zu Details finden.
Für erfahrene Köche ist hier nicht viel neues zu erwarten, und sie können das Buch als nette Rezeptinspiration lesen. Diejenigen, die den täglichen Kantinenfraß satt haben, die etwas in ihrer Ernährung verändern möchten, aber bisher dachten, Kochen sei zeitaufwendig, kompliziert und teuer, nimmt es aber gut an die Hand und erleichtert den Weg hin zu einer selbständigeren Ernährung.
Traut Euch, es wird euer Leben bereichern!
