Nebengedanken zum #gauchogate und zur political Correctness

p(abstract). Ich fand mich in der letzten Zeit wieder vermehrt in Diskussionen um Political-Correctness und Nazivorwürfe, ausgelöst durch meine geäußerte Meinung zum #gouchogate.

Meine Meinung dazu ist relativ simpel: Glaube ich, dass jeder der Beteiligten ein Rassist ist, der in seiner Freizeit Runentattoos auf den Unterarmen sammelt und „Türken klatscht“? Nein, natürlich nicht. Aber man muss kein Rassist sein, um rassistisch zu handeln. Da genügt simple Empathie- oder Gedankenlosigkeit im entsprechenden Moment.

Irgendein Arsch hat nicht nachgedacht, etwas dummes und unsensibles organisiert, und jetzt überschlagen sich alle bei Abwiegelungsversuchen.

Die beliebtesten Argumente dabei sind:

* „Spaßbremse, gönn‘ uns doch unsere Feier.“
* „Andere Länder machen sowas auch.“
* „Die Deutschen dürfen endlich auch mal wieder Nationalstolz haben, der Krieg ist ja lange genug vorbei.“
* „Ich lasse mir von politisch korrekten Arschlöchern nichts verbieten.“
* „Ich bin kein Rassist und kein Nazi, aber Du hast keinen Humor.“

Hinzu kam an mehreren Stellen noch eine Referenz auf Pipi-Langstrumpf („Negerkönig“) und Zigeunerschnitzel. Hier folgt dann als Argument noch die lange Tradition, des Begriffes sowie der Erhalt der kulturellen Referenz.

Meine generelle Meinung dazu ist: __Jeder ist sich einig, dass ein guter Verlierer zu sein, eine Tugend ist. Was offensichtlich die meisten anders sehen: Die größere Tugend ist es, ein guter Gewinner zu sein, der dem Gegner sein Gesicht lässt und ihn aufrecht da stehen lässt.__

Aber darum geht es hier nicht.

h3. Worüber diskutieren wir hier eigentlich?!?

Die meisten dieser Gegenargumente finde ich nur ermüdend, aber beim Nachdenken habe ich endlich einen Grund gefunden, warum mir dieses „Ich bin kein Nazi“ und „Wir dürfen auch endlich wieder Nationalstolz haben, schließlich waren wir nicht am Krieg beteiligt“ Argument immer so falsch erschien.

Ich habe wirklich lange gebraucht, um zu erkennen, dass es sich hier im Grunde um ein simples Strohmann-Argument handelt, denn es geht überhaupt nicht darum, dass die Deutschen bestimmte Dinge nicht dürfen, die Menschen aus anderen Ländern natürlich tun dürfen, weil wir alle an einer kollektiven Nazi-Schuld abzahlen.

6 Millionen getötete Menschen Jüdischer Religion oder Kultur, 20 Millionen russische Ziviltote, unzählige Homosexuelle, Sozialdemokraten, Kommunisten, behinderte Menschen… Das ist keine Schuld, die man abzahlt, und die dann irgendwann beglichen ist. Wie soll das funktionieren?!?

bq. „6 + 20 + ein paar hunderttausend andere, runden wir auf 30 Mio, geteilt durch 60 Jahre Reue, macht 500.000 pro Jahr, macht 1369 pro Tag, gibt bei 1440 Minuten pro Tag eine Abreue von ca. 0.951 pro Minute. Verteilt auf 90 Millionen Bundesbürger (bis zur Maueröffnung nur 60 Mio)… Ich denke, das ist fair, wir sind jetzt mal langsam quitt!“

Das geht doch nicht! Es ist ein zynisches Argument. Und es ist falsch, denn wir tragen überhaupt keine Schuld ab. So etwas ist nicht „Abtragbar“.

Ob es noch deutsche mit Schuld gibt, darüber mag man in Zeiten des NSU-Prozesses geteilter Meinung sein. Worüber es aber keine Zweifel geben darf: Wir sind ein Volk, dass durch diese Vergangenheit geprägt wurde, dass Kenntnis hat, von dem was passiert ist, von der Geschwindigkeit mit der es passiert ist, davon, wie das gesamte Volk mit diesem Geist des Hasses auf alles vermeintlich andersartige durchsetzt war, und sich legitimiert fühlte, etwas gegen die gehassten zu unternehmen.

h3. Mit großer Kraft kommt große Verantwortung — Spidermans Onkel

Wer dieses Wissen hat, der hat auch die Verpflichtung, die Welt in diesem Kontext zu betrachten. Wenn der Dachstuhl vom Nachbar brennt, hat man die Verantwortung, ihm bescheid zu sagen. Das macht man nicht nur, wenn man ihm noch 2 Eier schuldet. Unsere Kenntnis von der Vergangenheit verschwindet nicht, und damit verschwindet auch unsere Verantwortung nicht, zu beobachten, was in der Welt passiert. Das ist nichts, was wir „loswerden“, oder womit wir irgendwann fertig sind.

Und so sollte jeder Mensch, der rudimentären Gedankengängen fähig ist, Dinge wie #gouchogate zumindest kurz betrachten und sich einfach fragen: Ist das etwas, was man unkommentiert stehen lassen sollte? Selbst wenn man zu dem Schluss kommt, „Das war vielleicht nicht ganz so nett, aber lassen wir ihnen ihren Spass“, so sollte die historische Betrachtung nicht vergessen, und erst recht nicht einfach lapidar abgetan werden.

Unsere Vergangenheit macht uns nicht zu den Geprügelten, die auch 60 Jahre nach Kriegsende noch mit dem Gesicht zur Ecke stehen müssen und von „politisch Korrekten Spachverbote auferlegt bekommen“. Sie macht uns zum Gewissen in einer Welt, in der die Abgrenzung gerade wieder überall auf dem Vormarsch ist.

Darum ist es wichtig, dass wir den Mund aufmachen, wenn jemand darauf besteht, dass der „Negerkönig“ und das „Zigeunerschnitzel“ erhaltenswerte Kulturgüter sind, und das nicht unkommentiert stehen lassen. Und dass man einem deutschtümelnden Heer aus Apolegeten ihr „#gauchogate“:https://twitter.com/hashtag/gauchogate auf’s Brot schmiert. (Übrigens: Das große Dutzend an Personen, die in den sozialen Medien fröhlich Banner mit „Spaßbremse“-Kommentaren teilen, sollten hin und wieder auch die Seite anschauen, von der diese stammen. Man findet dort eine beunruhigende Menge an Frakturschrift, Worten wie „Stolz“ und „Ehre“ und den gelegentlichen Reichsadler…)

h3. Aber der hat auch…!

Es spielt keine Rolle, ob Menschen aus anderen Ländern uns „scheiß Deutsche“ nennen. Das ist keine Legitimation, dass wir es ihnen gleich tun. Das ist das Argument eines Drittklässlers, der seinen Schulkameraden geschubst hat, und einer Nation nicht würdig. Es spielt keine Rolle, dass „Die Franzosen auch stolz auf ihre Nation sein dürfen“. Dort wurde gerade eine Politikerin zu einer „Haftstrafe verurteilt,“:http://www.taz.de/NULL/!142559/ weil sie die französische Justizministerin mit Affen verglichen hatte. Ist das der Nationalstolz, den Ihr wollt?

Wehrt den Anfängen. **Keinen Meter!**

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.